#dgff11, AG 14, Erste Anmerkungen

Ich habe heute eine Erfahrung gemacht. Eine, mit der umzugehen ich wohl erst noch lernen muss.

Ich bin nun seit 1996 im Netz unterwegs und empfand das eigentlich meistens als relativ trivial. Als eine Neuauflage des Fernsehen vielleicht, als etwas reaktiver und mehrkanaliger. Aber im Grunde auf jeden Fall als trivial. Und wenn ich mich dann so umgucke, in diesem Netz und umhöre, was man so darüber redet und schreibt und sendet, dann fällt mir gleich an der Oberfläche auch auf, warum mir das Netz lange als so trivial vorkam. Da geht’s um Facebook und Farmville, um Ballerspiele und Spiegel Online und auf Google Plus schmiert sich eine selbstgefällige, selbstproklamierte Social Web-”Elite” Butter in den eigenen Bart.

Und dann gibt es noch diejenigen, die kaum je über das Senden einer eMail hinaus gekommen sind und abgesehen davon im Grunde gar kein Interesse für das Werkzeug Internet haben. In dieser Kategorie findet man vermutlich v.a. Leute mittleren Alters und ältere. Ich will offen sein – ich halte die Generation meiner Eltern nicht für ausreichend kompetent, sich ein Urteil zu dem Netz, wie es sich heute darstellt zu erlauben. Generalisieren darf man natürlich nicht – pfui – aber so im Allgemeinen kann das vielleicht erst mal so stehen bleiben. Mich würde mal interessieren, wie viele zwischen 1970 und 1990 Geborenen sich von Papi anhören mussten, sie sollten die Finger vom Computer lassen, sie könnten ihn schließlich kaputt machen. Wie viele Väter das ihren Kindern wohl heute noch erzählen mögen?

Kürzlich wurde ich von der Meinung einer Deutschlehrerin belästigt, das Netz sei Schuld daran, dass ihre Schüler keine Aufsätze schreiben können. Ich hatte das bereits hier erwähnt, ich muss wohl auch irgendwann dazu vernünftig Stellung nehmen, aber leider ist bisher mein Zorn ob dieser beschränkten Sichtweise noch nicht verraucht. Ich stelle mir das im Unterricht vor – eine Lehrerin, die ihren Schülern erzählt, das Netz ruiniere ihre Kompetenzen und Fähigkeiten. Welche Vorstellung steht hinter derart unsinnigen Negativbauchgefühlen und was für eine Vision von digitaler Zukunft treibt eine solch ablehnende Haltung an?

Ich habe keine Lust, mir dieses Werkzeug schlechtreden zu lassen und glücklicher Weise gibt es viele, die das ebenso sehen. Die steigende Anzahl an MOOCs mag als ein Anhaltspunkt dafür gelten, dass es immer mehr Leute gibt, die an den Potenzialen des Netzes interessiert sind, an den Möglichkeiten, die es für Weiterentwicklung bereit hält, an einem Vorwärtsdenken i.S.v. “Was können wir jetzt und künftig mit den Werkzeugen machen, die wir gestern noch nicht hatten?” statt rückwärtsdenkend zu fragen “Ok, wir haben jetzt neue Technologien – wie bringen wir sie am besten ins Klassenzimmer / das Lernen / die Lehre / die Forschung, ohne dort viel ändern zu müssen?”.

Für die AG 14 wurde heute ein allgemeiner Vernetzungswunsch angenommen, der sich vermutlich auf früheren Austausch in der AG stützt. Und nun zurück zu meiner Erkenntnis von heute: als ich dieses Kernthema zur Kenntnis nahm, dachte ich zuerst “Warum darüber reden, man kann es doch auch einfach machen”. Als ich dann vor einigen Wochen umsonst auf Twitter nach #dgff11 suchte, begann es mir langsam zu dämmern. Jetzt sind zwei Kongresstage vergangen, und mit #dgff11 ist immer noch nichts passiert und in den Sektionen und AGs wird zwar fleißig präsentiert, aber eben nicht wie im Jahre 2011 (mein Highlight sind die vielen Overhead-Folien).

Inhaltliche Vernetzung also finden alle in der AG 14 sinnvoll, knowledge-sharing wäre toll, ein bisschen über Literatur austauschen und Interpretationsgruppen für Phasen der Datenanalyse könnten auch hilfreich sein. Wenn man den geäußerten Bedarf zusammenfasst, lässt sich wohl behaupten: Der “Nachwuchs” findet, dass er von der Institution Universität im Verlauf des Studiums nicht ausreichend methodisch geschult wurde – und da funken “Quantis” und “Qualis” offensichtlich mal auf einer Wellenlänge – jenseits der “Paradigmenkriege”. So lassen sich diese beiden Ansätze also auch vereinen, aber das hatten wir gestern nicht im Kopf, als wir Herrn Kelle lauschten. Man wünscht sich einen Ort, an dem man unbedrohliches, aber offenes und konstruktives Feedback auf die eigenen methodologischen Gehversuche, Experimente und Blindflüge bekommt, Transkriptions- und Analysegruppen und manchem wäre auch mit sowas wie einer “Schreibwerkstatt” für diverse Textsorten (Anträge, Exposés, Abstracts etc.) geholfen – wobei es auch hier wieder in erster Linie der Wunsch nach Feedback ist, der viele umtreibt. Wer Feedback bekommen will, wird vermutlich in einer kollaborierenden Gruppe auch Feedback geben müssen, das sollte klar sein. Es braucht also neben dem Wunsch etwas zu bekommen auch die Bereitschaft, etwas zu geben. Service am Peer.

Auf die soziale Vernetzung gehe ich mal nicht ein, das überlasse ich anderen.

Die strategische Vernetzung scheint mir dringlicher zu sein, ist sie doch vielleicht sowas wie der Wegbereiter für die drei anderen Arten der Vernetzung. Und hier rührt dann auch meine eingangs erwähnte Erfahrung von heute her: informationstechnische Grundbildung kann auch an der Hochschule nicht vorausgesetzt werden, da viele nicht mit dem Web 2.0 umzugehen wissen. Damit ist der Aufenthalt im Netz anscheinend doch gar nicht so trivial, wie er mir zu sein schien.

Diese Feststellung ist keinesfalls als Vorwurf zu verstehen. Wie die vielen qualitativ hochwertigen Beiträge und v.a. auch die angeregten und durchaus belesenen Diskussionen bei der Nachwuchstagung zeigen, sind viele on fire für ihre Themen. Dass nicht jeder über digital literacy nachdenkt, ist selbstverständlich. Ab dem Punkt aber, an dem es einen Konsens dahingehend gibt, dass man professionelle Vernetzung möchte, ab diesem Punkt kommt man nicht mehr daran vorbei, und dann bald auch nicht mehr an Konzepten wie der digital scholarship von Martin Weller (Twitter: @mweller). Die Generation 50+ wird sich vielleicht nicht mehr damit befassen. Ihr müsst dürft das tun.

Dazu muss man v.a. hinsichtlich der strategischen Vernetzung einige Konzepte aus dem Boot schmeißen. Die heute mehrmals erwähnte “Plattform” gehört definitiv dazu. Für alles andere gibt es bereits Werkzeuge. Nun braucht man keine “Plattform”, wenn man, wie heute angeregt wurde, einfach mal nur einen einzelnen Satz, Hinweis oder Link mit der AG teilen möchte. Das wäre so, als wolle man nur eben eine Gurke kaufen und würde dazu mit einem Pickup losfahren, der 30 Liter durch 16 Zylinder blubbert. Wenn man das Anliegen hat, kurze Nachrichten in sein Netzwerk zu speißen, nimmt man nun mal einfach einen Micro-Blogging-Dienst, ganz ohne Verrenkungen. In den meisten Fällen wird das Twitter sein, es bringt auch vermutlich ohnehin die meisten Serendipitätseffekte mit sich.

Alle anderen Anliegen, die vorgebracht wurden (Infoaustausch zu Tagungsterminen, Infos zum Ablauf eines Promotionsverfahrens, zu Förderungsmöglichkeiten) – kurz – transparenter Informationsfluss, kann m.E. auch bestens ohne “Plattform” und antiquierte “Mailinglisten” realisiert werden.

Eine Kollegin äußerte Bedarf nach Anbindung und Austausch mit Lehrern – wie wäre es denn dann, mal beim EduCamp vorbei zu schauen? *schwupps* hat man Zugriff auf ein Netzwerk aus derzeit 1268 zumindest ähnlich Gesinnten, und kann sich mit denen, wenn einem das Netz sozial zu kalt ist, auch noch persönlich treffen (nächster Termin 18. – 20.11. in Bielefeld).

Ein guter Anfang wäre aber auch schon gemacht, wenn sich einige dazu entschlössen, ihre Erfahrungen aus den letzten Tagen zu bloggen und das zu kommunizieren. Der Vorschlag ist alles andere als uneigennützig, schließlich kann sich keiner zerteilen und muss bei 14 Sektionen und ebenso vielen AGs Entscheidungen treffen. Wenn aber alle zusammenlegen, entsteht für jeden ein vollständigeres Bild.

Ich möchte an dieser Stelle nochmals auf den exzellenten Beitrag von @mweller zur aktuellen Woche des #change11 (Vortrag startet ab Minute 17 oder so) hinweisen, der mich zu einigen meiner Aussagen am heutigen Nachmittag inspiriert hat. Ich denke, gerade wo sich der “Nachwuchs” trifft, sollte Wellers Vorschlag diskutiert und sein Buch unter die Kopfkissen gelegt werden.
Von @tomwhitby habe ich gelernt: there ain’t no defending illiterate educators. Guess what – the same applies to scholars.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.