#dgff11 Jenseits der Paradigmenkriege – die Integration qualitativer und quantitativer Methoden in der Interventionsforschung

Die DGFF-Nachwuchstagung 2011 beschließt Prof. Dr. Udo Kelle von der Helmut-Schmidt Universität Hamburg.

Methodologische Diskussion und Forschungspraxis fallen in einem wissenschaftlichen Umfeld, das Konzepte der Kausalität untersuchen will, oft auseinander. Kelle verweist zunächst auf zwei allgemein bekannte Studien (Marienthal und Hawthorne) als Beispiele erfolgreicher Methodenintegration in der sozialwissenschaftlichen Forschungspraxis. In der Methodologie jedoch halten sich seit den 1930ern paradigm wars (Gage 1989), die sich an teilweise sehr scharfen Abgrenzungen zu den Wissenschaftlern der jeweils anderen Richtung ablesen lassen. So finden sich einerseits etwa Behauptungen wie die, die qualitative Praxis liefere nur “subjektive Evidenzerlebnisse” – eine wirklich fiese Formulierung (Schnell, Hill, Esser 1999:110), oder auf der anderen Seite ein vergleichsweise harmlos klingendes “Quantifizierung führt zu vermindertem Verständnis der empirischen sozialen Welt” (Filstead 1979:31).

Für Kelle hat der Methodenstreit jedoch rationale Grundlagen: beide Richtungen benennen deutlich die Schwächen der anderen Richtung, aber es findet keine Auseinandersetzung mit dieser Kritik statt, um die eigenen Methoden zu verbessern und die Stärken der jeweils anderen Richtung zu nutzen. Aus der Schulforschung ist inzwischen die Mixed-Methods-Bewegung bekannt, die die Vorzüge beider Paradigmen zu verbinden und zugleich die Schwächen abzufangen versucht.

Was ist mit Stärken und Schwächen gemeint?

Stärken quantitativer Methoden:

  • Standardisierung der Datenerhebung (Fragebögen…), dient der Objektivität und Reliabilität
  • Bereitstellung eines Modells für hypothesen- und theoriegeleitete Forschung
  • Erhebung großer Fallzahlen: ermöglicht (statistische) Generalisierbarkeit
  • Messung des Grades der Zielerreichung möglich

Bei Anwendung dieses Paradigmas in der Interventionsforschung gestaltet sich der Ablauf verkürzt wie folgt: Man sucht nach der Theorie, die den Zusammenhang zwischen Intervention und Outcome erklärt, man erklärt das Outcome und kontrolliert Störvariablen statistisch. Quantitative Methoden können dabei den Grad der Zeilerreichung messen und auf Nebeneffekte hinweisen.

Schwächen quantitativer Methoden:

  • Das was gemessen werden soll, muss bereits im Voraus möglichst genau bestimmt werden.
  • Unzureichende Hypothesen, da Nebeneffekte nicht beachtet werden, mangelnde Kenntnis der “kausalen Pfade” (Interventionsforschung arbeitet mir Anreizen, Gelegenheitsstrukturen oder Sanktionen, die erwartete und unerwartete Effekte generieren sollen; dazwischen liegen heterogene kausale Pfade und Handlungsketten, mittels derer Beteiligte ihre eigene Ziele verfolgen. Probanden können sich kreativ verhalten und besitzen lokales Wissen über Wege zur Umsetzung von Programmzielen.)

Qualitative Methoden zeichnen sich im Gegensatz dazu durch Offenheit und eine geringe Strukturierung der Datenerhebung aus. Sie beschäftigen sich i.d.R. mit intensiven Analysen weniger Einzelfälle.

Stärken qualitativer Methoden:

  • Hypothesenentwicklung
  • gut für Exploration und zur Entdeckung unbekannter Phänomene
  • Identifikation erwünschter und unerwünschter Nebeneffekte

Schwächen qualitativer Methoden:

  • Zu kleine Fallzahlen
  • ressourcenintensiv
  • Aus der Grundlagenforschung bewährte Verfahren sind in anwendungsorientierten Bereichen mitunter nur schwer einsetzbar
  • divergierende Interpretationen bei der Datenanalyse

Um die Bedeutung der kausalen Pfade zu verdeutlichen, auf denen eine Intervention wirkt, zitiert Kelle Butler et al. (1998) “Understanding the Culture of Prescribing: Qualitative Study of General Practitioners’ and Patients’ Perceptions of Antibiotics for Sore Throats”. Das Ergebnis in kurz: Ärzte verschreiben Medikamente auch bei kleineren Wehwehchen, weil sie denken, Patienten fühlten sich ohne Medikament ignoriert, während die Patienten nur jemanden wollen, der zuhört.
Eindrucksvoll auch Tourigny (1998): “Some new dying trick”, eine Studie, die zeigt, dass “frewillige” HIV-Infektionen von Jugendlichen in innerstättischen Ghettos als Ausdruck einer Initiation interpretiert werden können. Rein quantitative Verfahren stoßen hier an ihre Grenzen.

Ein weiteres Beispiel Kelles für die Identifikation von Methodenartefakten ist die Zufriedenheitsbefragung unter älteren Menschen in Pflegeheimen (Kelle & Niggemann 2003, 2004 “Methodenprobleme bei der Befragung dauerhaft institutionalisierter älterer Menschen” und hier…). Dabei zeigt sich die Zufriedenheit in einer rein quantitativen Auswertung als linksschief: Bewohner von Pflegeheimen geben mehrheitlich an, mit der pflegenden Institution zufrieden zu sein. Problematisch aber ist hierbei, dass die Daten mittels standardisierter Interviews erhoben wurden, wobei man das Interaktionsgeschehen nicht kennt.
Daher ergänzen Kelle und Niggemann ihre Datenbasis aus der standardisierten Befragung durch Interaktionsprotokolle, und – siehe da – im persönlichen Gespräch kommen dann auch Negativaspekte zum Vorschein. Kelle deutet: eine diffuse Angst vor Vergeltung bei Negativantworten beeinflusst die Qualität der Daten. Wer also etwa täglich vom groben Hermann gewaschen wird, hält sich in einer Befragung mit Kritik an Hermann vielleicht eher zurück. Er könnte ja noch grober werden.
Hinzu kommt: soziologische Fragereien sind von der Lebenswelt der untersuchten Subjekte mitunter sehr weit entfernt; auch das Prozedere ist für Außenstehende oft schwer nachvollziehbar. So werden Befragungen dann auch schon mal mit Verhören gleichgesetzt. Warum muss auch immer alles aufgenommen werden – der Interviewer könnte doch die Antworten auch einfach auf Papier notieren. Kelle und Niggemann diagnostizieren ein mangelndes Vertrauen in Anonymitätszusagen, die potentielle Vulnerabilität der Befragten beeinflusst die Qualität der Daten.

Fazit

Triangulation hilft bei

  • der Definition und Operationalisierung von Interventionseffekten,
  • Identifikation von Messproblemen,
  • Beschreibung von Nebeneffekten,
  • Interpretation schwer verständlicher statistischer Befunde

Kelle meint, der rationale Kern des Methodendualismus müsse fruchtbar gemacht werden. Die unterschiedlichen Methoden wurden entwickelt, um jeweils berechtigte Forschungsziele zu erreichen.
Im Falle quantitativen Vorgehens sind dies die Objektivität, die Theoriegeleitetheit sowie die statistische Verallgemeinerbarkeit. Qualitative Methoden hingegen untersuchen Sinndeutungsvorgänge der Akteure und kulturelle Praktiken und sie befassen sich mit tiefer gehenden Analysen von Einzelfällen. Die wechselseitige Kritik sollte produktiv gewendet werden und einen pluralistischen Einsatz von Methoden ermöglichen.

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