#dgff11 “Wie Lehrpläne sprachübergreifendes Lehren und Lernen unterstützen können”, Sektion 12

Dr. Ursula Behr vom Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwickung und Medien (Thillm)vermittelt bei ihrem Blick auf sprachenübergreifende Mehrsprachigkeit eine institutions- und anwendungsbezogene Perspektive.

Dr. Behr geht zunächst auf unverzichtbare Voraussetzungen für Mehrsprachigkeit und Weiterentwicklung des Sprachunterrichts ein: Sprachlehrkräfte hätten sich aus ihrer Expertenrollle für eine einzelne Sprache zurückziehen und müssten stattdessen ihren eigenen Unterricht auch für andere Sprachen öffnen, was durch Kooperation etwa im Rahmen einer gemeinsamen Fachkonferenzarbeit zu ergänzen sei.

Die Referentin bescheinigt Lehrplänen in ostdeutschen Bundesländern einen höheren Stellenwert als im Westen (“Man schaut da noch rein.”). Sie begreift Lehrpläne als “verbindliche Steuerelemente” zur Erreichung sprachenübergreifender Ziele, die Sprachlernbewusstheit schaffen und Synergieeffekte zwischen der Muttersprache und den nachgelernten Fremdsprachen ermöglichen, indem sie den zwischensprachlichen Vergleich als Ziel definieren.

Das Thillm bezieht sich auf drei Kompetenzkategorien: Lernkompetenzen sind für alle Fächer relevant und werden durch sprachenübergreifende und sprachenspezifische Kompetenzen ergänzt.
Sprachenübergeifende Kompetenzen verstehen sich dabei als gemeinsame Zielsetzungen jeglichen Sprachunterrichts, bezogen (neben der Sachkompetenz) auf Textrezeption, -produktion, Sprachmittlung sowie auf die Reflexion über Sprache selbst sowie deren Verwendung und Lernen.

Als konkretes Beispiel werden einige Formulierungen für den Kompetenzbereich HV präseniert:
“Der Schüler kann:
– verschiedene sprachlich angemessene und altersgemäße Hör-/Hör-Seh-Situationen in persönlichen und öffentlichen Zusammenhängen bewältigen
– unterschiedliche Sprecher verstehen
– Gesprächsbeiträge anderer verfolgen und aufnehmen (Anm.: Diese werden dann unterschiedlich in den Einzelsprachen umgesetzt.)

Methodenkompetenz
Der Schüler kann:
– aus Texten (präsentiert durch verschiedene Medien) Informationen sichern

Selbst- Sozialkompetenz
Der Schüler kann:
– sich bewusst auf Hörsituationen, -text und -aufgabe einstellen
– den Hörprozess entsprechend der Aufgabe bewältigen
– aufmerksam folgen”

Als möglichen Gewinn des sprachenübergreifenden Lehrens und Lernens erhofft man sich:
– den Ausdruck der gemeinsamen Verantwortung aller Sprachlehrkräfte für den Erwerbsprozess
– Anknüpfungspunkte an gemeinsame Schwerpunkte zu nutzen, bezogen auf

  • Ziele der Komoetenzentwicklung
  • Leistungseinschätzung

– passgenauere Maßnahmen für die individuelle Förderung

Die zweite Bezugsebene des Vortrages bildet die Reflexion des neuen Lernbereichs Sprache. Via Tageslichtprojektor erfahren wir: Neben der Bewusstmachung der Bedeutung der jeweiligen Sprache als Brückensprache geht es hierbei um die Festigung einzelsprachlicher Kenntnisse, die Verbreiterung der Anwendungsgelegenheiten einzelsprachlicher Kompetenz, die Entwicklung der Fähigkeit zur Hypothesenbildung sowie die Stärkung von Analyse-, Reflexions- und Dokumentationsfähigkeit.

Wichtig sei es, Sprach- und Sprachlernbewusstheit zu erschließen und in allen sprachlichen Fächern konsequent auf sprachenübergreifendes Lernen zu setzen, denn nur dann hätten die Schüler Gelegenheit zu der Erkenntnis, dass gewisse Aspekte in den Einzelsprachen gleich oder ähnlich auffindbar sind. Gefunden werden sollten solche Aspekte durch entdeckendes Lernen. Den damit verbundenen “Aha-Erlebnissen” werden ebenso positive motivationale Auswirkungen zugeschrieben wir der Auseinandersetzung mit sprachlichen und kulturellen Phänomenen.

Thüringer Schüler (unter denen sich nur zwei Prozent mit Migrationshintergrund finden) sollten Sprache letztlich als “Reichtum” begreifen, als Lernhilfe, nicht als Hindernis.

Seitens der Institution Schule bedarf es dazu neben der Bereitschaft zur Veränderung einer Abstimmung der Sprachlehrkräfte und der Öffnung der Fachkonferenzen für das Thema sprachenübergreifendes Lernen. Die anschließende Diskussion zeigt, dass viele der Anwesenden gerade Abstimmung und Kooperation zwischen (Mutter- und Fremdsprach-) Lehrkräften im schulischen Alltag bisher nicht vorfinden. Letztlich müssen integrative Konzepte aber auch verschiedenen Ebenen des schulischen Lebens verankert werden.

Eine eventuelle Einbindung der Sachfächer steht in Thüringen derzeit nicht zur Diskussion.

Die Thüringer Lehrpläne können auf den Seiten des Thüringer Schulportals eingesehen werden.

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