#neuland ist oft nebenan

Kürzlich haben @sdreyfrst und ich unter dem Titel “Gute Gutachten” einen Workshop für die Arbeitsstelle Diagnostik und Evaluation der Goethe Uni durchgeführt. Die Beschäftigten der Arbeitsstelle werden von Gerichten v.a. in Sorgerechtsfragen hinzugezogen, sie sprechen mit Menschen, gehen in Familien rein und halten ihre Beobachtungen sowie ihre Expertise in Gutachten fest, die dann an Familienrichterinnen gehen und auch von Anwälten, Verfahrensbeiständen und Eltern gelesen werden. Hauptadressaten sind Richterinnen. Die Gutachten haben für das Leben der Begutachteten meist eine signifikante Tragweite, geht es doch um Fragen wie den Verbleib von Kindern in Familien.

Die Idee zu dem Workshop hatte sich aus dem Schreibberatungskontext heraus entwickelt. Die Arbeitsstelle hatte durch meine Tätigkeit über Ablauf und Effekte individueller Schreibberatung Kenntnis erlangt. Daraus entstand der Wunsch, die Arbeit am Text in der Arbeitsstelle auf breitere Basis zu stellen. Die Leitung der Arbeitsstelle war von Anfang an von der Idee begeistert und so begannen wir, gemeinsam den Möglichkeitsraum auszuloten.

Dies fand zunächst lange parallel zum Tagesgeschäft im Schreibzentrum statt und so wollte Gutding etwas Weile haben. Im letzten Wintersemester lernte ich dann im Rahmen einer meiner Lehrveranstaltungen eine ehemalige Familienrichterin kennen, die während einer zwanglosen Plauderei Interesse an Schreibdidaktik bekundete. Das konnte man sich natürlich nicht so einfach entgehen lassen – Nadel im Heuhaufen! Ich erinnere mich, dass ich an diesem Abend länger brauchte, bevor Morpheus mich in seinen Armen wog – zunächst wollten die Ideen für die Arbeitsstelle auf Papier fixiert werden.

Psychologische Gutachten – für mich #neuland

Alsbald warf ich dann einige Blicke auf die für mich neue Textsorte. In Gesprächen mit der Leitung der Arbeitsstelle wurden die Textstruktur, Standards und Richtlinien deutlicher und nicht zuletzt auch der Verwendungskontext. Gutachten werden von Familienrichterinnen veranlasst, indem Richter sich mit Fragen an die Gutachter wenden. Es ist dann Aufgabe der Gutachterinnen, die gerichtlichen Fragen in psychologische Fragen zu übersetzen und durch Einsicht der Akten und eigene Untersuchungen Antworten zunächst auf die psychologischen Fragen zu finden. Letztliches Ziel eines Gutachtens ist die Beantwortung der gerichtlichen Fragen.

Psychologische Gutachten bestehen aus fünf Textteilen: Übersicht, Vorgeschichte, Untersuchungsbericht, Befund und Stellungnahme. Diese Textteile haben spezifische Funktionen, verlangen von Gutachtern verschiedene textuelle Handlungen (etwa die Darstellung von Verhaltensbeobachtungen, Testbeschreibungen, Ergebnisberichten, Interpretationen) und stellen die Gutachter vor unterschiedliche Herausforderungen. Als zentrale Anliegen für die Reflexion im Rahmen des Workshops schälten sich vorab drei Aspekte heraus:

  • Transparenz (in Bezug auf die verwendeten Daten)
  • Nachvollziehbarkeit (in Bezug auf die gutachterliche Argumentation und Einschätzung) und
  • die Frage, wie man als Autorin die eigene gutachterliche Expertise überzeugend in Text kleidet.

Diese Fragen hätte man sicher rein schreibdidaktisch angehen können, doch dank der oben genannten glücklichen Fügung konnten @sdreyfrst und ich im Workshop ein echtes Tischfeuerwerk zünden und erstmals die Autorinnen von Gutachten mit der intendierten Leserschaft – eben einer Familienrichterin – in Austausch bringen. Wie es die Realitäten der Arbeitswelt wollen, findet ein solcher Austausch gemeinhin eher nicht statt. Im Workshop zeigte sich aber deutlich, wie wichtig und fruchtbar dieses Reden über Texte ist. Ich führe nicht alle Ergebnisse hier auf, will aber doch einige Schlaglichter nennen:

“Gute Gutachten” – Schlaglichter

Gutachten werden von vorne nach hinten geschrieben und von hinten nach vorne gelesen. Das heißt, Gutachterinnen werden in den meisten Fällen mit der Verschriftlichung einer Übersicht beginnen und aus gerichtlichen Fragen psychologische ableiten, dann auf die Vorgeschichte eingehen usw., bis sie am Ende zunächst die psychologischen und dann die gerichtlichen Fragen beantworten.
Richter indes fangen hinten an zu lesen – dort, wo die Antworten auf die von ihnen gestellten Fragen zu finden sind. Sind diese Antworten schlüssig, kann das Lesen des Gutachtens bereit hier zu Ende sein. Bei Überraschungen oder Unklarheiten liest man als Richterin nach dem Befund erst mal noch den Ergebnisbericht und ist vielleicht anschließend zufrieden. If not: Blick auf die Testbeschreibung, usw. Als sich die Teilnehmenden im Workshop so darüber unterhielten, fand ich den Gedanken ganz spannend, dass ein gutes Gutachten vielleicht eines sein könnte, dessen Finale so gut geschrieben ist, dass man als Richter die davor stehenden Textteile gar nicht anschauen muss – mir kam die Idee vom Text, der sich selbst abschafft. (In Wirklichkeit trifft das aber natürlich nicht den Kern der Sache, denn ein verkorkstes Gutachten mit einem guten Schluss ist letztlich ja immer noch ein verkorkstes Gutachten.)

Die Diskussion ergab außerdem: Im Alltag kollidieren die Ansprüche, die a) Richter und b) Gutachter an den Text stellen. Nicht katastrophal, aber Diskrepanzen existieren. Richter erwarten vom Text vor allem Antworten auf ihre Fragen, und zwar schnell und deutlich. Kürzere Gutachten (im Umfang von 50-70 Seiten) werden aus dieser Perspektive begrüßt. Aus Sicht der Gutachterinnen hingegen ist ein psychologisches Gutachten immer auch “eine wissenschaftliche Leistung, die darin besteht, aufgrund wissenschaftlich anerkannter Methoden und Kriterien nach feststehenden Regeln der Gewinnung und Interpretation von Daten zu konkreten Fragestellungen Aussagen zu machen” (Richtlinien für die Erstellung Psychologischer Gutachten, dvp, 1994, 8-9). Dieser wissenschaftliche Anspruch macht Gutachten länger und er beeinflusst auch den Inhalt. Beispielsweise werden Testergebnisse so darstellt, dass sie den wissenschaftlichen Gütekriterien (Reliabilität, Validität, Objektivität) standhalten, was mitunter mit einigem “Zahlenhokuspokus” einhergeht, den man als Richterin im grunde gar nicht braucht – falls man ihn den überhaupt versteht. Gutachten existieren also in einem Spannungsfeld zwischen geforderter Kürze und notwendiger Ausführlichkeit. Letztere ist umso wichtiger, da Gutachten immer wieder auch einmal angefochten werden, weshalb die Autorin gut daran tut, sich gegen eventuelle Einsprüche abzusichern.

Die Diskussion zwischen Richterin und Gutachterinnen zu verfolgen erlebte ich als ausgesprochen spannend. Hier tauschten sich echte Schreiber mit einer echten Leserin aus mit dem Ziel, echte Texte, die das echte Leben unmittelbar betreffen zu verbessern. Wer Gutachten schreibt, schreibt ganz klar nicht im und für den Elfenbeinturm.

Wozu das Ganze?

Apropos. Was hat eigentlich die Institution davon, dass ein Schreibzentrum sich auch mit solchen Aufträgen wie dem hier umrissenen befasst? Eine ganze Menge, wie ich finde:

  • Der Workshop trägt zur Qualität der von der Arbeitsstelle verfassten Gutachten bei. Dies kommt dem Ruf der Institution (ja: gemeint ist auch “das Mutterschiff”) zugute, denn wie die Richterin kommunizierte, fragen Richter Gutachterinnen, die mangelhafte Gutachten liefern, kein zweites Mal an.
  • Unter den Teilnehmenden war auch ein Professor, der das Schreiben psychologischer Gutachten lehrt. Impulse aus dem Workshop werden auch in der universitären Lehre ankommen.
  • Auch eine studentische Hilfskraft war anwesend und wurde en passant mitgeschult. Bildungsauftrag? Check.
  • Der Workshop ermöglichte einen Austausch, der sowohl von manchem Richter, als auch den Gutachtern als wünschenswert erachtet wird, aber so gut wie nicht stattfindet. Im Alltag bekommen Gutachter i.d.R. kein Feedback auf ihre Texte und schreiben so in gewisser Weise ins Blaue hinein. Durch das Angebot positioniert sich das Schreibzentrum als verlässlicher Partner in Fragen des Literacy Management, indem es gesellschaftlich relevante High Impact Practices anstößt: Das im Workshop Vermittelte beeinflusst die Qualität der geleisteten (Schreib-)Arbeit, da es im Arbeitsalltag in den realen Schreibaufgaben der Mitarbeitenden explizit zum Einsatz kommt. (Wie Gerd Bräuer in seinem aktuellen Blogbeitrag unterstreicht, wird dies im Übrigen auch vom Writing Fellows-Programm geleistet, für das an der Uni Frankfurt Stephanie Dreyfürst verantwortlich ist.) Im Zuge der Einbindung unterschiedlicher Akteure bewirkt der Workshop “Gute Gutachten” überinstitutionellen Transfer.

Um nun auch den “Transfer auf der individuellen Ebene” (Gerd Bräuer, siehe Link oben) zu ermöglichen – und damit nachhaltig Wirkung zu erzielen – werden @sdreyfrst und ich zu Beginn des kommenden Jahres einen weiteren Workshop für die Arbeitsstelle gestalten, dann mit Blick auf Textfeedback und selbstorganisierte Schreibgruppenarbeit. Sollte es dann Gelingen, den Teilnehmenden Wege zur gemeinschaftlichen und autonomen Optimierung ihres Schreibhandelns zu vermitteln, wäre ein weiterer, echter Mehrwert generiert.

Und davon gehen wir doch mal aus.

Abschließend bedanke ich mich bei:

  • den Kolleginnen und Kollegen von der Arbeitsstelle Diagnostik und Evaluation für die stets angenehme Zusammenarbeit (und auch für die Geduld). Ich mag es, wenn man mich einlädt, Neues zu lernen.
  • der Familienrichterin. I mean: srsly. Den Job haben und dann noch Muße für derlei Projekte. Der Hut geht da aber mal gaaaaanz tief, gell… Awesome.
  • @sdreyfrst, die das Veränderungspotenzial unserer Arbeit for the greater good zu nutzen versteht und nicht nur machen lässt (an sich schon kuhl), sondern auch mitmacht (noch viel kuhler).

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