Literalität nach Mary Macken-Horarik

Ende der 1990er stellte Mary Macken-Horarik ein Modell mit vier Ebenen von Literalität vor, das ich hier kurz vorstelle. Das Modell stammt aus einer Zeit nach Web 1.0, aber vor Web 2.0. Horarik konzentriert sich in ihrem Modell auf Kontinuitäten, statt auf Neues – sie bewirbt neue Technologien nicht, sondern fragt nach deren Stellenwert in Bildungsverläufen. Ihr Literalitätsmodell bricht “literacy” auf vier Schichten herunter:

EverydayAppliedTheoreticalReflexive
divers und potentiell endlosErwerb einer bestimmten ExperiseErwerb von FachwissenAushandlung sozialer Diversität
in engem Zusammenhang mit gesprochener Sprachemündlicher und schriftlicher Sprachgebrauch ermöglichen aktives HandelnProduktion und Interpretation epistemischer TexteAusloten angenommener und spezialisierter Wissenssysteme
betrifft Rollen und Beziehungen in Familie und persönlichem Umfeld"skill-based literacy"verortet in BildungskontextenFinden von Alternativen
Literalität des persönlichen Wachstumsspezialisierte Literalitätallgemeine Annahmen herausfordern
Wissen aneignen und reproduzierenBedeutung wird durch verschiedene Medien (mit)bestimmt
"critical literacy"

Der Schlüssel zum Verständnis dieses Modell liegt in der Bewegung von einer Ebene des Modells auf die nächste – Bildung hat den Auftrag, Lernende in Richtung reflexiver Literalität voran zu bringen.

Everyday literacies werden zuhause erworben und hängen mit Sozialisierung zusammen: Individuen lernen Regeln des mündlichen Sprachgebrauchs, Geschlechterrollen usw.
Applied literacies erfassen Literalität mit einem bestimmten Zweck – hier geht es um erworbene Fähigkeiten und Fertigkeiten. Berufliche Bildung fällt in diesen Bereich.
Theoretical literacies sind in akademische Disziplinen in Schulen und Hochschulen eingewoben. Hier geht es um das Bearbeiten fachlicher Inhalte und den Umgang mit der entsprechenden Literatur.
Reflexive literacies schließlich sind eine Form von “critical litercy” und beinhalten ein Verständnis für soziale Diversität und ihre Bedeutung für die  Erzeugung und Auswahl von Information. Auf dieser Ebene rückt auch Interdisziplinarität in den Blick – Fachwissen wird kontextualisiert und hinterfragt.

Für Macken-Horarik ist “critical literacy” kein Zusatz oder Anhängsel von Literalitätsdiskursen; wichtig ist der Autorin auch: die Auseinandersetzung mit “critical literacy” ist dem Erwerb instrumenteller Literalitätskompetenzen chronologisch nachgeordnet. Da Lernende sich außerdem nicht von allein durch diese Eben entwickeln, sind didaktische Interventionen unverzichtbar – es braucht Lehrpersonen und auch Bibliothekspersonal, die Lernende beim Durchlauf der Ebenen begleiten. Ohne solche Interventionen werden weite Teile der Bevölkerung der Ebene der angewandten Literaliät verhaftet bleiben: Google wird genutzt um einzukaufen und zum nächsten MickiD zu navigieren, ohne dass ein Verständnis für “higher order information” vorhanden wäre.

Macken-Horarik postuliert also eine lineare Beziehung zwischen den vier hier kurz umrissenen Ebenen. Man kann also beispielsweise nicht gleichzeitig lernen zu lesen und das Gelesene gleichzeitig auch kritisieren. Das ist m.E. wichtig für hochschulische Kontexte: man kann nicht gleichzeit lernen akademische Texte zu lesen UND das Gelesene kritisieren. Stattdessen müssen die einzelnen Ebenen von Literalität aufeinander aufbauen. Wer schon auf Ebene der “Everyday” oder “Applied literacy” Schwierigkeiten erlebt, wird auch auf den beiden anderen, akademischen Ebenen keine sinnvolle Auseinandersetzung mit Literalität führen können.

Wie kommen Menschen nun aber von Literalität zum Lernen? Wie interveniert man sinnvoll und hindert Menschen daran aufzugeben und lieber Taxi zu fahren oder sich einen Echo für miserablen “Deutschrap” einzusammeln? Nochmals: ohne didaktische Interventionen bleiben Leute bei angewandter Literalität stecken und haben nicht die leiseste Ahnung von den Dingen, die sie (noch) nicht wissen. Es braucht ein Curriculum, dass ein Verständnis für die Bedeutung der vier Ebenen von Literalität vermittelt – ein Curriculum, das auch den multiplen Bedürfnissen einer heterogenen Lernendenschaft gerecht wird.

Im Schreibzentrum sehe ich mich immer wieder vor die Herausforderung gestellt, kompensatorische Aufgaben für die Fächer übernehmen zu müssen: Wenn Studierenden die Funktionsweisen des eigenen Faches noch nicht hinreichend vertraut sind, ist es wenig überraschend, dass die von Lehrenden erwartete reflexive Auseinandersetzung mit Fachinhalten nicht gut leistbar ist. Für den Fortschritt auf fdie theoretische und reflexive Ebene der Literalität braucht es Intervention von Experten. Lernende müssen herausgefordert werden: wer immer nur das Gleiche tut (etwa: das Internet immer nur auf die gleiche Art nutzt, vorzugsweise konsumierend), entwickelt keine information literacy. Wer sich immer nur mit Leuten unterhält, die sich auf der gleichen Literalitätsebene befindet, wird nie herausgefordert, sich zu entwickeln:

“Digitalisierung ist eigentlich doof, “shut the screen down“, Internet kennen “digital natives” (*grrrrr*) ohnehin schon – also brauchen wir das nicht in der Lehre…
Lernen und Entwicklung finden aber außerhalb der Komfortzone des bereits Bekannten statt und sind in Bildungskontexten m.E. keine Option, sondern eine Verpflichtung. Ich sehe viele Akademikerinnen, die zwar noch nicht über die Ebene der angewandten Literalität hinaus sind, sich aber schon Urteile über theoretische und reflexive Aspekte von Literalität anmaßen. Dieser Beitrag sollte klarmachen: Das funktioniert so nicht. Auch Lehrende brauchen solide Erfahrungen mit digitaler Literalität auf alltäglicher und angewandter Ebene. Wer sich darauf nicht einlassen will, sollte imho doch lieber Taxi fahren – oder halt deutschrappen.

Literatur:
Mary Macken-Horarik, “Exploring the requirements of critical school literacy: a view from two classrooms,”, in: F. Christie und Ray Mission
(Hg.), Literacy and Schooling, (London: Routledge, 1998), S. 78.

 

 

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