Poult: Ohne Bosse zum Erfolg – hierarchiefreie Organisationsformen

Poult produziert Kekse in Montauban, Frankreich. 2006 beschloss man, die Art der Geschäftsleitung maßgeblich zu verändern, weil die Zahlen mies und die Zufriedenheit der Angestellten im Keller waren. (In Frankreich gehen nur 11% der Arbeitnehmer morgens gern zur Arbeit.) Poult war bis dato streng hierarchisch geführt worden. Oben hockten die Bosse und bis runter ans Fließband waren hierarchische Strukturen etabliert, mit denen (bis auf den Leuten oben) niemand zufrieden war. Als Gründe für die schlechte Performanz und krasse Unzufriedenheit wurden Management-Prozesse identifiziert, die a) hinter geschlossenen Türen von Leuten ersonnen wurden, die sich anderen Firmenangehörigen gegenüber für nichts meinten rechtfertigen zu müssen, b) sehr viel Zeit in Anspruch nahmen und c) sich negativ auf das Kerngeschäft – den Verkauf von Keksen – auswirkten.

Um diese bedauerliche Situation zu verändern, beschloss man nun also den radikalen Bruch mit bisherigen Management-Prozessen. Die Maßnahmen erinnern an die Management-Reformen in Schweden in den 1960er Jahren und lassen sich in aller Kürze zusammenfassen:

Das gesamte mittlere Management wurde ausradiert und durch demokratische Entscheidungsfindungsprozesse ersetzt.

Heute ist die Firma damit ein Lehrbuchbeispiel in Sachen Führung. Die Angestellten werden nicht mehr von Managern kommandiert, sondern verantworten ihre Produktionslinien nun selbst. Es steht ihnen frei, Verbesserungspotenzial selbst zu identifizieren und zu nutzen – ohne auf Genehmigungen von oben warten zu müssen. Auch steckt sich inzwischen niemand von weiter oben mehr die Ideen von anderen Mitarbeitern an den eigenen Hut: alle können Ideen haben, einbringen und bewerten. In der Praxis führt dies zu mehr Kommunikation unter den Mitarbeitern und über verschiedene Bereiche der Firma hinweg: Fließbandarbeiter sprechen mit Einkäufern, Finanzleute mit Technikern usw.

Leadership ist bei Poult inzwischen nicht mehr bei Leuten verortet, die nicht in der Lage sind damit etwas anzufangen – stattdessen können sich alle in den Führungsdiskurs einklinken. Die Zufriedenheit der Mitarbeitenden hat sich dadurch deutlich verbessert. Natürlich bedeutet die Arbeit mit flachen Hierarchien nicht, dass jeder machen kann, was er will. Wird das mittlere Management ausradiert, müssen deren Aufgaben von anderen übernommen werden – auch das haben die Arbeiter bei Poult in die eigenen Hände genommen. Dadurch konnten Spannungen zwischen dem Management und den Mitarbeitern abgebaut werden. Und aus den ehemals bedrohlichen Zahlen sind 12% Wachstum geworden.

Manch einer mag sich fragen, wo die Nasen aus dem mittleren Management geblieben sind. Die sind entweder freiwillig gegangen, weil der Verlust ihres Bisschens formaler Macht zu sehr an ihren zarten Seelen gekratzt hat; oder aber: sie waren bereit hart an sich zu arbeiten und durften bleiben. Plötzlich war also der Schuh ausnahmsweise einmal am anderen Fuß.

Auf YouTube bietet gibt es Ausschnitte einer ARTE-Dokumentation zu Poult. Verantwortlich für die hier kurz umrissenen Veränderungen war Jérôme Introvigne. Außerdem zum Thema: Falcone (2016).

Man kann den Ansatz von Poult in Gedanken ja mal auf den jeweils eigenen Arbeitskontext übertragen. Oder wäre das möglicherweise schon verwerflich?

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